Was sind Tierversuche und warum Deutschland handelt sollte

Der Begriff „Tierversuch“ ist ganz klar negativ behaftet. Man verbindet Leid und Qualen mit ihm, die ein Mensch in vollem Bewusstsein darüber, was sein Handeln auslöst, einem Tier antut. Noch immer werden in Deutschland jährlich etwa drei Millionen Tiere zu Versuchszwecken benutzt. Ihnen entstehen dabei häufig Schmerzen oder dauerhafte Schädigungen. Begründet werden diese Versuche mit ihrer Notwendigkeit.

Dieser Artikel soll allgemein über das Thema „Tierversuche“ informieren und zeigen, welche Länder die meisten durchführen. Darüber hinaus möchten wir vermitteln, warum Deutschland endlich seine Tierschutzgesetze anpassen muss, um die Zahl der Versuche zu verringern und eine Besserung der Zustände in Versuchslabors zu erreichen.

Was sind Tierversuche?

Unter Tierversuchen versteht man, wissenschaftliche Experimente an lebenden Tieren. Ein großes Einsatzgebiet von Tierversuchen ist der medizinische. Mit ihnen sollen neue Medikamente und andere Therapien zunächst an Tieren getestet werden, ehe sie am Menschen zugelassen werden. Da ein Großteil der beim Menschen vorkommenden Krankheiten bei Tieren nicht ausbrechen, werden bei ihnen dafür ähnliche Symptome erzeugt. So werden Mäusen beispielsweise Tumore eingepflanzt, die bei ihnen normalerweise nicht, oder zumindest nicht in diesem Ausmaß, wachsen würden, um anschließend Krebsmedikamente an ihnen zu testen.

Bereits im antiken Griechenland wurden Versuche an lebenden Tieren durchgeführt. Im Corpus Hippocraticum, einer Sammlung antiker, medizinischer Schriften, finden sich Beschreibungen solcher Versuche, die zur Erforschung des Herzens und des Schluckvorgangs dienten.

Die Mitgliedsstaaten der EU sind verpflichtet, nach Möglichkeiten zu suchen, die Tierversuche ersetzen. Häufig werden Computersimulationen dafür verwendet. Ist dies nicht möglich, soll zumindest Stress und Schmerz, dem die Tiere während der Versuche ausgesetzt sind, reduziert werden. Außerdem soll die Anzahl an Versuchstieren, die für einen einzelnen Versuch nötig ist, so gering wie möglich gehalten werden.

Warum Tierversuche?

Befürworter von Tierversuchen argumentieren mit medizinischen Erkenntnissen, die sowohl in der Vergangenheit, als auch in der Gegenwart durch Tierversuche gewonnen werden konnten. So gehe die Entdeckung des Insulins und damit die Therapierbarkeit von Diabetes auf Tierversuche zurück. Auch die Entwicklung von Impfstoffen profitiere von Tierversuchen, heißt es. Außerdem seien durch sie verbesserte chirurgische Maßnahmen entwickelt worden und ein schnelleres Voranschreiten in der Krebsforschung sei nur durch Tierversuche möglich.

All die Erkenntnisse, die aus Tierversuchen gezogen werden, würden sich auf den Menschen übertragen lassen. Des Weiteren seien Versuche an lebenden Tieren, die im Aufbau von Zellen und Organen den Menschen sehr ähnlich sind, immer aussagekräftiger als eine Computersimulation.

Ethisch wird argumentiert, dass es nicht vertretbar sei, beispielsweise Medikamente ohne vorherige Tierversuche an Menschen auszuprobieren. Der Erhalt der Gesundheit des Menschen stehe über der der Versuchstiere.

Welche Tiere werden für Tierversuche am meisten verwendet?

Die Mehrheit der Versuchstiere wird speziell für diesen Zweck gezüchtet. Nur so ist es möglich, anhand genauer Daten, beispielsweise der Lebensdauer und Krankheitshäufigkeit, Abweichungen, welche durch die Versuche entstehen, exakt zu erfassen und zu bewerten. Die Tiere werden außerdem in vielen Fällen genetisch verändert und dürfen daher das Labor nicht verlassen. Ihre Kadaver müssen verbrannt werden.

In Deutschland sind eingefangene Tiere nur dann zulässig, wenn ein Grund vorliegt. Es muss begründbar sein, warum der Versuch an einem Wildtier aussagekräftiger ist, als an den dafür gezüchteten Versuchstieren.

Am meisten werden hierfür Mäuse genutzt. Aber auch andere Nager wie Wanderratten, Kaninchen, Hamster und Meerschweinchen sind in hohen Zahlen vertreten. Daneben zählen noch Hunde, Frettchen, Fische, Vögel und Primaten zu den am meisten für Tierversuche verwendeten Tiere.

Die Tiere werden häufig auf engem Raum gehalten und haben wenig Beschäftigungsmöglichkeiten. Ein natürliches Verhalten der Tiere ist auf diese Weise kaum möglich.

Nach Abschluss der Versuche werden die meisten Versuchstiere in Deutschland getötet. Dies geschieht normalerweise unter Narkose.

Was sind die Länder mit den meisten Tierversuchen?

Die folgenden Zahlen stammen aus dem Jahr 2005. Zu den Zahlen der USA sei zusätzlich erwähnt, dass der Animal Welfare Act nicht alle Tiere umfasst und daher die Zahlen vermutlich nicht genau stimmen. Ratten, Mäuse, Vögel, kaltblütige Tiere und Nutztiere sind davon ausgenommen. Gerade die ersten drei machen jedoch einen hohen Anteil der Versuchstiere aus.

  • 1. USA: 17.317.147
  • 2. Japan: 11.154.961
  • 3. China: 2.975.122
  • 4. Australien: 2.389.813
  • 5. Frankreich: 2.325.398
  • 6. Kanada: 2.316.281
  • 7. Vereinigtes Königreich: 1.874.207
  • 8. Deutschland: 1.822.424
  • 9. Taiwan: 1.237.337
  • 10. Brasilien: 1.169.517

Was bedeutet „tierversuchsfrei“?

„Tierversuchsfrei“ bedeutet, dass bei der Herstellung eines Produktes keine Tiere durch Versuche zu Schaden gekommen sind. Auch die Rohstoffe, die bei zur Herstellung des Endproduktes genutzt werden, dürfen nicht an Tieren getestet werden. Unternehmen, die daran teilnehmen, verpflichten sich außerdem, keine Tests ihrer Produkte durch andere Unternehmen, Forschungseinrichtungen o. ä. in Auftrag zu geben.

Es gibt in Deutschland zwei verschiedene Kennzeichnungen, die Tierversuchsfreiheit versprechen: Produkte mit der Aufschrift „Kontrollierte Naturkosmetik“ sind vom Bundesverband der Industrie- und Handelsunternehmen geprüft und dürfen nicht an Tieren getestet worden sein. Der Deutsche Tierschutzbund kennzeichnet ebenfalls tierversuchsfreie Kosmetika mit einem Stempel, auf dem ein Kaninchen zu sehen ist.

Warum aus unserer Sicht Deutschland handeln muss

Deutschland hält sich in vielen Punkten nicht an die von der EU festgelegten Gesetze, die das Leid der Versuchstiere mindern soll.

So soll bevor ein Versuch an einem lebenden Tier durchgeführt wird, bzw. bevor ein Tier für speziell für einen Versuch getötet wird, genau abgewogen werden, ob der erwartete Nutzen aus dem Versuch den erwarteten Schaden, den das Tier davontragen wird, übersteigt. Ist dies nicht der Fall, ist von einem Tierversuch abzusehen und eine Alternative anzuwenden. In Deutschland umfasst diese Schaden-Nutzen-Analyse lediglich eine Meldung über das Vorhaben. Die Prüfbehörde hat daraufhin 20 Tage Zeit, den Tierversuch zu untersagen. Reagiert sie nicht innerhalb dieser Zeit, gilt das Vorhaben automatisch als genehmigt.

Außerdem sollen Versuche, die starke Schmerzen oder dauerhafte Schädigungen verursachen, eine Ausnahme bleiben, besser vollkommen verboten sein. So ist es in der EU-Tierschutz-Versuchstierverordnung geregelt. Auch in diesem Punkt widerspricht das deutsche Gesetz der Gesetzgebung der EU. In Deutschland werden auch solche Versuche schon genehmigt, wenn die ethische Vertretbarkeit begründbar ist.

Des Weiteren hat der deutsche Gesetzgeber viele Ordnungswidrigkeiten im Zusammenhang mit Tierversuchen unbestraft gelassen. Dabei hätten die Leiter der Tierversuche ein Bußgeld von bis zu 25.000 Euro zu erwarten gehabt, wenn den Versuchstieren während ihrer Versuche vermeidbare Schmerzen zugefügt wurden, die Versuche am lebenden Tier unnötig waren oder sie auch mit einer geringeren Anzahl an Versuchstieren durchführbar gewesen wären. Diese Bußgelde wurden in vielen Fällen ersatzlos gestrichen. Dies erweckt den Anschein, dass Personen, die das Tierschutzgesetz brechen, um zu forschen, keine Strafen zu erwarten haben.

Es ist daher aus unserer Sicht ein Muss, dass die Bundesregierung diese und weitere hier nicht aufgezählten, fatalen Mängel beseitigt, um sich in Zukunft wirklich an die eigenen und die Gesetze der EU zu halten. Des Weiteren lässt dieser Umstand keineswegs den Schluss zu, Deutschland plane eine Verringerung der für Versuche genutzten Tiere. Deshalb stellt sich gar nicht die Frage, ob Handlungsbedarf besteht. Ganz eindeutig muss sich zum Wohle der Tiere und zur Einhaltung geltender Gesetze etwas ändern.